Weil die Menschen immer älter werden, wächst auch die Zahl der Pflegebedürftigen. Es fehlen Fach- und Hilfskräfte, die zukünftig die Versorgung und Betreuung sicherstellen - auch in Steinfurt. Corona hat die Situation für alle Beteiligten noch schwieriger gemacht.Domus Caritas gGmbH
Von Dirk Drunkenmölle
Von einem akuten Notstand mag in Steinfurt (noch) niemand offen reden. Gleichwohl werden die Klagen lauter, dass die ambulante Betreuung und Versorgung hilfsbedürftiger Menschen langsam, aber sicher an ihre Grenzen stößt. Die Situation ist landauf, landab bekannt. Die Kreisstadt bildet keine Ausnahme.
Verschärfend wirkt sich Corona aus. Die Zahl infizierter, isolierter oder in Quarantäne steckender Pflegekräfte steigt und mit ihr die Not der Betroffenen, Patienten und Angehörigen, allein gelassen zu werden. Die Anbieter können ein Lied davon singen.
Unserer Zeitung hat mit Vertretern von Pflegedienstleistern in Steinfurt gesprochen. Fast ein Dutzend gibt es davon in der Kreisstadt. Und fast alle der Befragten berichten davon, dass ihre Kapazitäten nahezu erschöpft sind. Freie Ressourcen? Absolute Mangelware. Genauso wie Lösungen, die Probleme langfristig in den Griff zu bekommen.
"Personal ist kaum zu finden", beschreibt Andreas Gervink (Gesellschaft für ambulante Pflege und Betreuung) das Problem, das zurzeit nicht nur ihn, sondern die gesamte Branche betrifft. "Mir wird angst und bange, dass Menschen, die Hilfe brauchen, diese Hilfe nicht bekommen", sagt Gervink. Langjährige Mitarbeiter seien in Rente gegangen, andere hätten die Belastung nicht mehr verkraften können. Es fehle der Nachwuchs. Fünf, sechs Mitarbeiter könne er sofort einstellen. Übertarifliche Bezahlung allein sei kein Allheilmittel. In der Gesellschaft fehle es an Anerkennung, appelliert Gervink daran, die Leistungen in der Pflege mehr wertzuschätzen.
Tim Scheipers, Geschäftsführer beim Verein Mobilé, stimmt zu. Die Nachfrage nach ambulanter Hilfe sei groß, die Wartezeiten würden länger. Niemand bleibe aber unversorgt, versichern alle Dienste. Aber es werde immer schwieriger, in Übergangszeiten eine qualitativ gute Versorgung mit ausgebildetem Personal zu leisten. Scheipers meint: "Auch wenn die Tarifpflicht am 1. September in der Pflege greift, wird sich die Lage kaum entspannen." Zudem sei ungeklärt, wie und von wem die Mehrkosten getragen werden. Das mache die Sache für alle Beteiligten nicht leichter.
"An den Gehältern liegt es nicht", sagt auch Cemil Ipek, Geschäftsführer des Pflegedienstes Acuras. Sowohl ausgebildete Fach- als auch Hilfskräfte könnten sich die Jobs zurzeit aussuchen. Der Markt sei leer gefegt. "Wir könnten locker fünf Mitarbeiter einstellen", versucht auch Ipek händeringend, sein rund 30-köpfiges Team aufzustocken. "Die Personalsituation ist ein riesen Thema." Ipek und Kollegen berichten davon, dass das Infektionsgeschehen die ganze Situation noch einmal verschärft hat. Wenn Mitarbeiter ausfallen, sei es nahezu unmöglich, kurzfristig Vertretungen zu finden.
Um die Versorgung sicherzustellen, müssten von den ohnehin stark belasteten Teams Überstunden geleistet werden. Dank der hohen Flexibilität und der Bereitschaft der Mitarbeiter einzuspringen, wenn die Not groß ist, könnten Ausfälle bislang gut kompensiert werden, beschreibt Ulrich Kreutzmann die Situation in der Sozialstation der Caritas. Die Auslastung dort sei sehr hoch. Anfragen könnten aktuell nur begrenzt bedient werden. Auch Kreutzmann merkt an: "Die Coronazeit ist eine sehr anstrengende Zeit. Die Möglichkeit des Impfens und die Schnelltests haben aber etwas an Sicherheit zurückgegeben."
Über mangelnde Impfbereitschaft bei den Pflegekräften kann kein Dienst klagen. Alle melden einen nahezu 100-prozentigen Impf- und Boosterstatus. Wie die Caritas setzen auch die anderen Pflegedienste darauf, junge Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen und auszubilden. Cemil Ipek: "Bislang haben wir jeden Auszubildenden auch übernommen." Eine Chance, dem Mangel zu begegnen, besteht nach Ipeks Auffassung darin, Kräfte aus dem Ausland anzuwerben. Der Caritasverband hat vergleichbare Initiativen bereits gestartet. Kreutzmann fügt in diesem Zusammenhang an, dass versucht werde, durch "Mütter-Touren" oder andere flexiblere Arbeitszeitmodelle Arbeitnehmern mit Kindern oder Wiedereinsteigern ein Jobangebot zu unterbreiten. Entspannung, so die einhellige Meinung, sei aber langfristig nicht in Sicht. Kreutzmann beschreibt das so: "Jeder Tag bietet neue Herausforderungen."