Sucht hat immer eine Geschichte

04.12.2018 // Seit über 30 Jahren kommt Christof B. - regelmäßig unregelmäßig - in die Suchtberatungsstelle des Caritasverbandes Steinfurt. Dort hat er eine wichtige Anbindung auf seinem Lebensweg gefunden.

Seit zehn Jahren ist er nun auch "clean". Davor aber liegt eine lange, lange Zeit mit vielen "Aufs" und "Abs". Irgendwann hatte Christoph B. den Entschluss gefasst, künftig auf Alkohol und Drogen ganz zu verzichten, um den Teufelskreis endlich hinter sich zu lassen.

Lange Jahre hat Christof B. in der Suchtberatungsstelle des Caritasverbandes Steinfurt verbracht, um mit den Beraterinnen und Beratern seinen Lebensweg mühsam zu finden.

Beraterin Heike Hille freut sich mit Christof B. über sein neues Leben. Um irgendwann vielleicht mal einen Triathlon zu schaffen, ist Christof B. regelmäßig, auch weite Strecken, mit seinem Fahrrad unterwegs.

Zunächst begann sein Erwachsenenleben - von außen betrachtet - erfolgreich und eigentlich unauffällig. Christof B. absolvierte eine Maurerlehre und eine kaufmännische Ausbildung, ließ sich danach noch zum Betonbaumeister ausbilden und eiferte so seinem Vater beruflich nach. Bereits mit 18 Jahren heiratete er und bekam mit seiner damaligen Frau zwei Söhne. Doch die Ehe geriet in die Krise, bereits mit 25 Jahren ließ sich Christof B. wieder scheiden.

Auch seine zweite Partnerschaft, aus der seine Tochter stammt, scheiterte nach wenigen Jahren. Damals wurde offenkundig, dass hinter der vermeintlich bürgerlichen Fassade eine Suchterkrankung steckte, die bereits in der Jugendzeit von Christof B. wurzelte. "Meine Partnerin wollte mit mir den Lebensweg weitergehen, ich konnte aber nicht zu ihr stehen", schaut er betroffen zurück.

Damals, als er diesen "Stress mit der Freundin" hatte, habe er "die ganze Woche durchgesoffen", und es ging ihm danach so schlecht, dass er sich bei der Suchtberatungsstelle des Caritasverbandes meldete. Mit der damaligen Beraterin Irmtraud Heckmann stand er seitdem im engen Kontakt. Sie habe ihm immer und immer wieder geholfen, wenn er abgestürzt war, erinnert sich Christof B. "Ich fühlte mich in der Beratungsstelle immer wohl und angenommen, wie ich bin."

Zu dieser Zeit war Christof B. noch in der Baufirma seines Vaters beschäftigt. Später gründete er dann seine eigene Firma. "Wir haben eine 'Hütte' nach der anderen gebaut", berichtet Christof B. nicht ohne einen gewissen Stolz auf seine damalige Leistungsfähigkeit. Seine Firma hatte einen eigenen Fuhrpark mit Kränen und Lieferwagen, privat hatte er sich einen Sportwagen und eine Harley Davidson zugelegt. Manchmal habe er 16 Stunden am Tag gearbeitet, und um entspannen zu können, habe er nach Feierabend wieder getrunken. Zudem war Kokain "angesagt", damit habe er wochenlang quasi durchgearbeitet, "bis absolut nichts mehr ging". "Ich dachte, ich könnte meine Leere mit Arbeit und Geld stopfen. Aber es hat sich nie wirklich gut angefühlt."

Das erste Mal war Christof B. mit 31 Jahren zum Entzug in der Suchtklinik in Hörstel. Eineinhalb Jahre war er "trocken", danach ging es wieder los. Ein nachhaltigerer Wendepunkt waren dann die vier Monate in einer Suchtklinik im Sauerland. "In Bad Fredeburg habe ich das erste Mal durchgeblickt, woher die Sucht eigentlich stammt, was für mich sehr schmerzhaft war."

Fünf Jahre später verließ ihn dann das vermeintliche Glück vollends. Seine Baufirma wurde wegen einer Fehlkalkulation insolvent, zurück blieben 120.000 Euro Schulden. Nach drei Jahren hatte er auch seinen gesamten, privaten Besitz verloren - "Barvermögen, das Haus und die Harley - alles weg!" "Die Insolvenz hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Das war die schlimmste Zeit und die extremste Phase meiner Sucht." Kein Wohnsitz mehr, keine Krankenversicherung. "Ich habe bei fünf Grad im Stadtpark gepennt und ansonsten den ganzen Tag gesoffen", erinnert er sich noch einmal.

Bis vor zehn Jahren war er geschätzte 20 Mal zur Entgiftung in Lengerich. Im Sommer 2008 war er dann bei "Rock am Ring", wo er noch einmal alles konsumiert hat - "Kokain und Schnaps ohne Ende" - und dadurch auch das Festival ganz intensiv erlebt hat. Danach habe er noch einige Monate "rumgehampelt", um dann noch ein Mal - "zum letzten Mal" - in die Entgiftung nach Lengerich zu gehen. Seit dieser Zeit ist er trocken geblieben - "endlich!"

Obschon es ihm zeitweise psychisch schlecht ging, hat er aber keine Drogen mehr genommen. "Heute komme ich besser klar und kann mich mit Leuten auch mal freuen - ohne Alkohol!" Vor einigen Jahren war er dann noch einmal in Bad Fredeburg, um dort eine qualifizierte Entgiftung zu machen, um wieder an den Führerschein zu kommen.

"Der Alkohol war der Glücklichmacher in meinem Leben. Aber der 'gute Freund' ist nicht mehr da", gesteht der heute 56-jährige seine Zwiespältigkeit gegenüber dem vergangenen Leben. Er habe lange den Verzicht auf die Drogen bedauert, musste regelrecht Trauerarbeit leisten. "Aber heute ist das abgeschlossen. Ich weiß, dass die Drogen langfristig nicht helfen und mich wieder ins Chaos stürzen."

Dieses Jahr gibt es Anlass zu feiern. "Seit zehn Jahren bin ich nun clean." Er bekommt eine Rente, arbeitet aber nebenher auf Baustellen. Der Kopf und der Körper funktionieren noch, und seine Kompetenz als Maurer-Meister hat er konservieren können. Hobbys sind seine Brieftauben und das Laufen. Irgendwann möchte er mal einen Triathlon schaffen.

"Wenn ich heute in die Beratungsstelle gehe, wird mir meine Abstinenz-Entscheidung wieder präsent." Er habe eine ganze "Litanei von Gründen" gesammelt, die ihn davon abhalten, das Saufen wieder anzufangen.

Woher stammt die Sucht? Die Geschichte "hinter" der Geschichte

Sucht hat immer eine Geschichte. "Bei mir hat sie bereits in der Kindheit begonnen, in der ich zu wenig Wertschätzung und Anerkennung erfahren habe." Er entwickelte eine Essstörung, war dick und pummelig. "Im Grundschulalter schon allein dazustehen, ist schwer gewesen." Mit zehn hat er angefangen, Bier zu trinken, mit 13 seine erste Pulle Korn geleert, später zusammen mit den anderen Alkoholikern im Park gesoffen.

"Den Christoph von heute interessiert das aber nicht mehr, das Gefühl der Wertlosigkeit tritt jedoch in manchen Situationen immer noch auf. Aber ich muss darauf nicht mehr destruktiv reagieren."

Er ist mit seiner Tochter in einem guten Kontakt, die gerade eine Berufsausbildung absolviert. "Meine Tochter hat mich die letzten Jahre hoch gehalten." Er habe sie unterstützt, und das war dann für ihn eine Aufgabe, "die mir über den Berg geholfen hat. Und danach wollte ich das Trinken nicht mehr anfangen."

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