Interreligiöse Begegnung als Chance für die Gesellschaft

17.10.2019 // Im Rahmen der Interkulturellen Woche im Kreis Steinfurt beteiligte sich der Fachbereich Gemeindecaritas des Caritasverbandes Steinfurt in Kooperation mit der Evangelischen Gemeinde Burgsteinfurt mit einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit dem Thema "Muslime und Christen - Interreligiöser Dialog als Chance" in der Kleinen Evangelischen Kirche in Burgsteinfurt. Angelica Hilsebein vom Generalvikariat des Bistums Münster referierte über Ansätze der interreligiösen Begegnung und des Dialogs, die zu einem friedlichen Zusammenleben in der Gesellschaft beitragen können.

Zum Vortrag „Interreligiöser Dialog als Chance“ kamen Muslime und Christen in die Kleine Evangelische Kirche in Burgsteinfurt und begegneten sich anschließend noch beim Imbiss im Pfarrsaal.

Pfarrer Hans-Peter Marker erklärte in seiner Begrüßung, dass die evangelische Kirche den Dialog mit Menschen muslimischen Glaubens sucht und fördert. Durch den Kontakt und die Begegnung können das friedliche Miteinander unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen Gestalt gewinnen. "Verschwiegen werden sollen dabei nicht die Probleme, die den Dialogprozess erschweren. Sie müssen offen benannt werden, auch das gehört zu einem aufrichtigen Dialog", so Marker. "Wir freuen uns hier in Burgsteinfurt über alle positiven Erfahrungen, die in unterschiedlichen Bereichen gemacht werden, im schulischen Bereich beim interreligiösen Lernen oder in den Bereichen der Flüchtlingsarbeit und der Begegnungen, die bei uns in ökumenischer Geschwisterlichkeit geschehen."

Dialog des Lebens und Handelns

Gleich eingangs wies Angelica Hilsebein in ihrem Fachvortrag darauf hin, "dass wir den Dialog nicht mit einer Religion führen, sondern immer mit einzelnen Menschen". So sei die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Religionen in erster Linie ein "Dialog des Lebens" und "Dialog des Handelns" sowohl im Alltag als auch auf politisch-gesellschaftlicher Ebene. Erst in zweiter Linie könne ein solches Gespräch ein "Dialog des theologischen Austauschs" werden, ein im engeren Sinne interreligiöser Dialog, der jedoch auf beiden Seiten theologischer Spezialisten bedürfe, um das "jeweilige religiöse Erbe zu vertiefen und die gegenseitigen Werte schätzen zu lernen".

Inklusiver Heilsanspruch der Kirche

Mit ihren Ausführungen warb Angelica Hilsebein für ein offenes Religionsverständnis, um das religiöse Potential für das Zusammenleben in der Gesellschaft zu stärken. Grundgelegt sei dieses Verständnis bereits in den lehramtlichen Texten der katholischen Kirche. So machte Hilsebein deutlich, dass die Kirche den Islam als monotheistische Religion anerkennt, die sich auf denselben Gott beruft. Namentlich das 2. Vatikanische Konzil betonte, dass die Kirche nunmehr einen "inklusiven Heilsanspruch" habe, "denn Gott will das Heil und die Rettung aller Menschen". Daher müsse der Umgang von Christen und Muslimen von gegenseitigem Respekt geprägt sein. Auch die Entdeckung von Gemeinsamkeiten im religiösen und sittlichen Bereich könne zu einem guten Dialog beitragen.

Vorurteile gegenüber dem Islam

Zudem betonte Hilsebein, dass es in der öffentlichen Debatte eine "unverantwortliche Verkürzung" darstelle, immer dem Islam die Schuld an gängigen Vorurteilen in der Gesellschaft - etwa den Problemen, die mit Migration, Integration, Gewalt, Demokratieferne, Menschenrechtsverletzungen oder Benachteiligung von Frauen zusammenhängen - zuzuweisen. "Denn es ist nicht die Religion an sich, sondern es kommt auf das Verhalten des einzelnen Menschen an", so Hilsebein. Das Spektrum reiche - wie auch in anderen Religionen - von säkularen über liberal-offenen bis zu fundamentalistischen Einstellungen. "So führen wir keine Islam-Debatte, sondern eine Islambild-Debatte, die voller Vorurteile steckt."

Interreligiöse Begegnungen in Kindertageseinrichtungen

Eine Chance für die interreligiöse Begegnung biete sich etwa in den katholischen Kindertageseinrichtungen, wo noch alle Kinder zusammengefasst sind und die Eltern unterschiedlichen Glaubens in Kontakt kommen können. Angelica Hilsebein warb dafür, Anknüpfungspunkte zu suchen, wo Christentum und Islam Parallelen aufweisen. "Das christliche Profil sollte gestärkt werden, aber es muss für die Muslime verstehbar sein." Zudem sollte diese andere Religion sichtbar gemacht werden, "denn jedes Kind hat ein Recht auf seine eigene Religion." Um einen solchen Umgang in Kitas zu gewährleisten, plädierte Hilsebein dafür, Erzieherinnen und Erzieher in ihrer Sprachfähigkeit über den (christlichen) Glauben zu schulen, wie es etwa das Bistum Münster mit dem Projekt "Lebensorte des Glaubens" anvisiere. "Wir werden dadurch aufgefordert, Dinge zu hinterfragen, die für uns selbstverständlich geworden sind. Das kann wiederum zur Vertiefung des eigenen Glaubens beitragen."

Einer lebhaften Diskussion im Anschluss an den Vortrag im Kirchenraum folgte ein interkultureller Imbiss im Pfarrheim, bei dem die interreligiöse Begegnung in der Praxis fortgesetzt werden konnte.

Offener Austausch über religiöse Unterschiede

Gemeindcaritas-Leiterin Annika Koke erklärt als Mitveranstalterin, dass sich die Caritas grundsätzlich für die Integration von Geflüchteten und Migrantinnen und Migranten, gerade auch nicht-christlicher Religionen, einsetzt. "Dabei sind für uns der offene Austausch über religiöse Unterschiede hinweg und das grundsätzliche Verständnis von der Freiheit der Religionsausübung wichtige Einstellungen für die Alltagspraxis." Dazu wolle der Caritasverband mit der Unterstützung solcher Formate wie dieser Diskussionsveranstaltung beitragen. Zudem sei "in einer bunter werdenden Gesellschaft die Fähigkeit, konstruktiv mit Vielfalt umzugehen, eine Schlüsselkompetenz". Weiter betont Annika Koke: "Gott hat in uns als Menschen die Möglichkeit gelegt, sehr unterschiedlich zu sein, und die Caritas hat sich schon immer den daraus resultierenden Aufgaben gestellt. Der interreligiöse Dialog in seiner Aktualität gehört zweifellos auch dazu."

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