40 Jahre Suchtberatungsstelle: Schritte aus der Sucht gehen

Der Vorsitzende des Caritasverbandes Steinfurt, Pfarrdechant Johannes Büll, segnete die neuen Räumlichkeiten der Suchtberatungsstelle an der Emsdettener Straße 22 in Steinfurt-Borghorst ein.
Bürgermeisterin Claudia Bögel-Hoyer dankte den Suchtberaterinnen und -beratern für ihre "tolle Arbeit" und versprach, dass die Stadt Steinfurt das Engagement in der Suchtberatung dauerhaft unterstützen werde.
Der Sucht-Mediziner, Dr. Thomas Poehlke aus Münster, hielt einen Fachvortrag.
Das Team der Suchtberatungsstelle mit dem Vorsitzendem Johannes Büll, Geschäftsführer Burkhard Baumann und Vertreter der Klientinnen und Klienten

Der Vorsitzende des Caritasverbandes Steinfurt, Pfarrdechant Johannes Büll, begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste zur Feier des 40-jährigen Jubiläums der Sucht- und Drogenberatungsstelle im Sitzungssaal des Rathauses in Steinfurt-Borghorst. "Hinter der Sucht steht oft eine tiefe Sehn-Sucht, etwa nach Angenommensein und Gebrauchtwerden, nach Wertschätzung und sinnvoller Tätigkeit, nach Heimat - zu wissen: Da gehöre ich hin", erklärte Pfarrdechant Büll. "Sowohl Beratung und Behandlung, als auch niederschwellige Angebote wie das Montagscafé und das Offene Wohnzimmer in der Suchtberatungsstelle helfen betroffenen Menschen und ihren Angehörigen, Schritte aus der Sucht zu sehen und zu gehen", so Büll.

Der Geschäftsführer des Caritasverbandes Steinfurt, Burkhard Baumann, ging in seinem Vortrag auf die Entwicklung der Suchtberatungsstelle in den letzten vier Jahrzehnten ein und markierte dabei wichtige Meilensteine. Gegründet als Fortführung der Jugendberatungsstelle, richtete die Sucht- und Drogenberatungsstelle ihre Arbeit an Jugendliche und Erwachsene in Einzel-, Paar- und Familienberatung. Auch die Präventionsarbeit gehörte von Anfang an zu ihren Aufgaben. Dabei erklärte Baumann, dass sich an den verschiedenen Entwicklungsphasen der Suchtberatungsstelle eine "Wellenbewegung" ablesen lässt, "von Streetwork zur Beratung in den eigenen Räumlichkeiten, von Niederschwelligkeit zur Hochschwelligkeit und teilweise wieder zurück, von einer Geh-Hin-Struktur zu einer Komm-Struktur des sozialarbeiterischen Ansatzes oder von der Beratung über Therapie zur Prophylaxe".

Weiter benannte Burkhard Baumann wichtige Weiterentwicklungen im Angebotsspektrum der Beratungsstelle in jüngerer Zeit, nämlich seit 2004 die ambulante Rehabilitation, seit 2008 die Beratung bei Glücksspielsucht sowie seit 2005 bzw. 2016 mit dem Montagscafé und dem Offenen Wohnzimmer zwei niederschwellige, offene Begegnungsangebote in der Beratungsstelle. "Entwicklungsarbeit war und ist in der Suchtberatungsstelle immer Teamwork, auch wenn alle Mitarbeitenden ihre Spezialisierungen mit entsprechenden Weiterbildungen haben", lobte der Geschäftsführer die Beraterinnen und Berater.

Irmtraud Heckmann, die seit der Gründung der Beratungsstelle 1978 für den Caritasverband tätig war, und Johannes Elling, der 1981 dazu stieß und den Aufbau der Zweigstelle in Ochtrup begleitete, berichteten aus der Anfangszeit der Suchtberatungsstelle. Damals sei eine Aufbruchstimmung spürbar gewesen, erinnerte sich Irmtraud Heckmann, die aus der Jugendhilfe in die Suchtberatung gekommen war. Sie begann zunächst mit Streetwork und ging in die örtlichen Discotheken, um dort mit Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Maria Stirnberg, Ruth Melzer und Ewald Brinker, die in den 1990'er Jahren das Team der Suchtberatungsstelle ergänzten, berichteten über konzeptionelle Änderungen in der Beratungsarbeit, etwa der Wechsel von einer Geh-hin-Struktur zu einer Komm-Struktur oder die Einführung der ambulanten Rehabilitation.

Auch die dritte Generation der Suchtberaterinnen und -berater mit Heike Hille, Kim Suer und Michael Flothmann machte ihre spezifischen Erfahrungen in der Suchtkrankenhilfe. So kamen zu der Beratung die offenen Angebote wie das Montagscafé und das Offene Wohnzimmer hinzu, um niederschwelliger zu werden und damit noch mehr suchtkranke Menschen zu erreichen. Neuestes Projekt der Suchtberatungsstelle ist die Beratung bei extensivem Medienkonsum "Interface Extended", bei der die Steinfurter Suchtberatung zu einem von fünf ausgewählten Standorten in NRW gehört. "Ziel ist es, sich mit dem eigenen Medienkonsum auseinanderzusetzen, positive wie negative Aspekte des Medienkonsums zu erarbeiten und gegebenenfalls Wunschzustände und die Erreichung dieser zu bearbeiten", erklärte Michael Flothmann.

"Zu ihnen kann man immer kommen und bekommt die Unterstützung, die man braucht", lobte Dr. Reinart Hiller, ehemaliger Leiter der LWL-Tagesklinik, die Offenheit und Bedarfsorientierung der Steinfurter Suchtberatungsstelle. Nicht zuletzt erwähnte er auch die beiden Sekretärinnen, Nicole Schönebeck und Ute Weiß, und bezeichnete sie als "Außenministerinnen" der Beratungsstelle, die häufig den Ratsuchenden am Eingang als Erste begegnen.

Helmut Flötotto überbrachte die Glückwünsche des Diözesancaritasverbandes Münster und lobte sowohl die gute Vernetzung der Beratungsstelle in der Suchtkrankenhilfe als auch die vorausschauende Entwicklung von Konzepten, etwa bei der Beratung von Glücksspielsüchtigen, bei der psychosozialen Begleitung Substituierter oder der Bearbeitung des Themas "Sucht im Alter". Walter Rott, Leiter des Sozialamtes im Kreis Steinfurt, überbrachte den Dank von der politischen Ebene. Angesichts der mittlerweile gut ausgebauten, differenzierten Versorgungsstruktur in der Suchtkrankenhilfe im Kreis sei das Team der Suchtberatung in Steinfurt bei allen Neuerungen immer "an vorderster Front" dabei gewesen. Frank Schoppe, Suchtberater vom Caritasverband Rheine, lobte in Vertretung aller Fachkollegen die Arbeit der Steinfurter Suchtberatungsstelle und würdigte die Kooperations- und Vernetzungsfähigkeit der Steinfurter Suchtberaterinnen und -berater. Clemens Schulze Beiering, Altenheimleiter des Heinrich-Roleff-Hauses und Vertreter der Kolleginnen und Kollegen des Caritasverbandes Steinfurt, wies auf die relativ neue Thematik suchtkranker Menschen hin, die in Altenheimen leben, und damit auf ein neues Kooperationsfeld der Altenhilfe mit der Suchtkrankenhilfe.

In seinem Fachvortrag anlässlich des Jubiläums ging Dr. Thomas Poehlke, Facharzt für Suchtmedizin vom Centrum für Psychiatrie, Neurologie, Psychotherapie und Psychosomatik (CPM) in Münster auf das immer wichtiger werdende Thema "Altern und Sucht" ein. Poehlke zeigte auf, dass suchterkrankte Menschen aufgrund von guter Beratung und medizinischer Behandlung zwar immer älter werden, sich damit aber auch immer komplexere Krankheitsbilder und soziale Problemlagen ergeben. "Ältere Drogenkonsumenten sind enorm geschwächt. Ihre psychische Morbidität verharrt lange auf etabliertem, hohem Niveau", stellte Dr. Poehlke fest. Daher hätten sie auch ein gesteigertes Risiko für den Tod durch eine Überdosis, Krankheit oder Suizid. Poehlke forderte daher unter anderem, die Behandlung älterer, suchtkranker Menschen unter Berücksichtigung geriatrischer Erfahrungen fortzuführen und geeignete Wohnformen für diesen Personkreis etwa in Altenheimen zu schaffen. Als oberstes Therapieziel gelte es schließlich, neben der Abstinenz eine gewisse Lebenszufriedenheit für ältere Menschen mit Suchterkrankungen zu erreichen.

Im Anschluss an die Feierstunde im Rathaus segnete Pfarrdechant Johannes Büll im Beisein der Mitarbeitenden, von vielen Gästen und Klientinnen und Klienten die neuen Räumlichkeiten der Suchtberatungsstelle an der Emsdettener Straße 22 ein. Ein durchbrochenes Kreuz aus Holz als Geschenk für die Räume der Beratungsstelle symbolisiert den Durchbruch durch alles "Kreuz und Leid" hin zu einem "Durchblick", einer neuen Perspektive, erklärte Büll während des Einweihungsgottesdienstes. "Ich wünsche allen, die in unsere Beratungsstelle kommen, ganz gleich in welcher Situation und Funktion, dass sie etwas spüren von der Weite und Freiheit, die Jesus Christus schenkt. Wenn ich das erfahre, kann ich meiner Sehnsucht trauen und muss nicht in meiner Sucht gefangen bleiben!"

Pfarrdechant Johannes Büll
Geschäftsführer Burkhard Baumann
Lässige Musik von der Band
Johannes Elling und Irmtraud Heckmann
Maria Stirnberg, Ewald Brinker und Ruth Melzer (von links)
Hannah Tittmann, Michael Flothmann, Kim Suer und Heike Hille (von links)
Dr. Reinart Hiller
Dr. Jörg Wittenhaus (rechts), Chefarzt der LWL-Tagesklinik
Helmut Flötotto
Walter Rott
Frank Schoppe
Clemens Schulze Beiering
Dr. Thomas Poehlke
Wortgottesdienst in der Beratungsstelle
Übergabe des Kreuzes
Einsegnung der Räumlichkeiten
Das Team der Suchtberatungsstelle mit dem Vorsitzenden, Geschäftsführer und ehemaligen Beraterinnen